Vision 2030

PROLOG, KLEINE STADTGESCHICHTE

Die Stadt Freiburg hat ihre Stadtbaugeschichte nicht aufgearbeitet. Strukturen vergangener Epochen des Städtebaus wurden nicht hinterfragt. Die städtebaulichen Ergebnisse der feudalistischen, absolutistischen, kaiserzeitlichen und faschistischen, also insgesamt 'vordemokratischen' Vergangenheit wurden fast ungebrochen übernommen. Eine politische Bewertung und Analyse des städtebaulichen Erbes wurde nicht durchgeführt, über Gesetze einer demokratischen Stadtentwicklung wurde nicht nachgedacht.

Die politische Neuordnung der alten Stadtbaustrukturen unterblieb, die Demokratie von 1949 war in der Stadtentwicklung des Jahres 2000 noch nicht angekommen. Zentralistische, vordemokratische Muster von Städtebau verhinderten in Freiburg ein demokratisches Stadtmodell.

Demokratisch kann Städtebau werden, der die politischen Grundlagen seit der Stadtgründung, sowie die Eingliederung geschichtlich gewachsener autonomer bis hin zu neu errichteten Stadtteilen in seiner Stadtentwicklung unter die Gesetze der Demokratie stellt. Das Oberzentrum sollte sich mit der Einführung der Demokratie verpflichten, sein Verhältnis zu den Gemeinden, die im Laufe der vordemokratischen Geschichte eingegliedert wurden, auf eine demokratische Grundlage zu stellen. Es genügt heute nicht das Stadtbild durch 'moderne Architektur' herauszuputzen, notwendig sind die proportionale Ausstattung der Stadtteile mit öffentlichen Einrichtungen und die Förderung ihrer Integrität und Identität.

Dazu gehört in erster Linie eine politische Vertretung für die alten Stadtteile wie sie bedingt und ausnahmsweise die neuen Ortschaftsräte nach der Gebietsreform der 70er Jahre haben. Sodann ist eine Definition der Größe der Stadt und ihrer Stadtteile notwendig, ebenso wie ihre Beziehung zur Region. Dazu kommt eine proportionale Ausstattung mit Einrichtungen für die Bürgerschaft, Arbeit und Wohnen, Soziales, Verkehr (ÖPNV und PKW-Anschlüsse an ein über/regionales Straßensystem, fächerförmige Erschließung ohne Durchgangsverkehr) für Kultur, Kirche, Bildung, Sport, Erholung, Versorgung, usw.

Vorrangiges Ziel ist es, die Integrität der Stadtteile herzustellen, die Nachbarschaften zu respektieren, z.B. den fremden Durchgangsverkehr zu verbannen, den Straßenverkehr zu ordnen und zu humanisieren, Rechte der Fußgänger, Invaliden, Sicherheit von Frauen, Jungendlichen, Migranten, Alten, Invaliden und ein freundliches und rücksichtsvolles Wohnklima zu schaffen.

Die in den Stadtteilplänen aufgezeigten Lösungen sind zunächst in die Zukunft weisende Symbole und Anregungen zur Diskussion über Wege und Ziele, die daraus entstehenden Lösungen sind im Detail auf Nachhaltigkeit zu prüfen, demokratisch zu legitimieren im politischen Diskurs und in Relation zu den wirtschaftlichen Möglichkeiten der Zukunft anzupassen. Die Kosten verteilen sich auf den Zeitraum von mindestens einer Generation und beenden die bisherigen ziellosen Notlösungen einer demokratischen Stadtbaupolitik.

Die 2001 vom Freiburger Forum beschlossenen Leitziele der AK-Stadtentwicklung der Freiburger AGENDA 21 müssen 'Satzung' und Maßstab für Vergangenheit und Zukunft werden.

Dem unreflektierten Flächenverbrauch der Vergangenheit von 200-300 Hektar Boden alle 10 Jahre ist ein Konzept zum äußerst sparsamen Verbrauch und zu intelligenten Lösungen im Bestand entgegen zu setzen. Zunächst sollen z.B. durch Altlasten versuchte Flächen entsorgt und wieder verwendet werden (siehe Beispiel Kappel). Vor der Erschließung neuer Baugebiete soll die Struktur der umgebenden Nachbarschaften geprüft und berücksichtigt werden.

Durch die Vision einer demokratischen Stadtentwicklung 2030 in Freiburg wird sichtbar, welche Lebensqualität durch das Fehlen der politischen Konzeption der Stadt der zweiten deutschen Demokratie allein durch Flächenfraß verloren ging. Statt einer Entwicklung zur ungegliederten Agglomeration oder durch 'grüne Finger' zwischen polypenartig ausgedehnten Bauachsen, wie in vielen Millionenstädten der Welt werden überschaubare Stadtteile als respektierte Nachbarschaften entstehen, denen geschlossene öffentliche und lokale und regionale Verkehrssysteme zur Erschließung dienen sowie sich u.a. neue Modelle von Energie, flexiblen Linienführungen und kürzeren Takten. Für die Gemeinden und Zentren im Umland sowie den Regionen wird ähnlich wie für die Stadt ein demokratisches Planungskonzept angeregt.

Hier wird die Vision einer denkmalspflegerisch behutsamen, politischen, städtebaulichen, soziologischen, ökologischen und verkehrsmäßigen Neuordnung von Städten und Ortschaften erstellt, gewissermaßen als Schulbeispiel kommender Generationen von Bewohnern und Stadtplanern.

KLEINE STADTGESCHICHTE

Freiburg ist eine auf frühgeschichtlichem und provinzialrömischem Boden, von seiner Gründung bis in die hier aufgezeigte Entwicklung gewachsene Stadt. Es kann davon ausgegangen werden, dass in frühgeschichtlicher Zeit sich Bewässerungssysteme auf den Hochufern der ungezähmten Nebenflüsse des Rheins zur Ernährungssicherung der an ihrem Rande lebenden Bevölkerung befunden haben. Diese Anlagen und ein prähistorisches Wegenetz waren vermutlich die Voraussetzungen, auf welchen schließlich die Stadtgründung erfolgte1.

DIE FEUDALISTISCHE GRÜNDUNG

Mitglieder einer Siedlergilde pachten im Jahr 1120 für einen Schilling pro Jahr Grundstücke von 50/100 Fuß, die Feudalherren übernehmen den Schutz des Marktes. Die Stadt hatte einen Durchmesser von etwa 700 Metern, eine Größe, die von etwa 5.000 Einwohnern verteidigt werden konnte.

1368 kaufen sich die Freiburger von der Herrschaft der Zähringer frei, wählen Richter und Pfarrer selbst, gründen Zünfte, schließen Bündnisse und stellen sich unter den Schutz Habsburgs. Als fleißige Händler und Handwerker kommen die Bürger zu Reichtum und Wohlstand.

Feudalistische Gründung
Plan 1: Feudalistische Gründung

Die Stadt wird zentralistisch um die Neuburg (ca.1250), Lehener- (ca.1265) und Schneckentor- (ca.1300) -Vorstädte erweitert, womit sie an die Grenzen ihrer Fähigkeit zur Selbstverteidigung kam. Danach kauft die Bürgerschaft den tief verschuldeten früheren Herren andere Gemeinden und Fluren im Umkreis der Stadt ab, die Wiehre (1368), Betzenhausen (1381), Uffhausen und Wendlingen (1380), Adelhausen (1412) und Herdern (1457). Das Bild von Sickinger2 zeigt die Stadt in den Mauern von 1589 und Adelhausen als einen ihrer selbständigen Stadtteile. Ihre Einwohner kooperierten mit Freiburg und sie konnten sich in Kriegszeiten hinter dessen Mauern zurückziehen. Das sozialpolitische Bild der Bürgerstadt blieb die Einheit von Wohnen, Markt, religiösem Zentrum und Verteidigungsanlagen für etwa 5.000 Einwohner.

ABSOLUTISTISCHE FESTUNG3

1677 annektiert König Ludwig XIV von Frankreich die Stadt. Der Sonnenkönig, als Symbol der absolutistischen Obrigkeit, lässt von seinem Stadtplaner und Festungsbaumeister Vauban die Stadt mit einem zentralen Festungsstern umgeben. Die Vorstädte werden abgerissen und als Baumaterial für die Wälle verwendet. In der absolutistischen Festung zeigt sich in unverhüllter Form die Kongruenz von städtebaulichen und autoritären politischer Strukturen.

Absolutistische Festung
Plan 2: Absolutistische Festung

DIE OFFENE STADT4

Bevor die Franzosen 1745 abziehen, schleifen sie die Befestigungsanlagen. Als Kaiserin Maria Theresia Freiburg zurückerhält, übernimmt sie eine offene Stadt im politischen Wandel, die Grenzen der Stadt werden gesprengt.

Durch naturwissenschaftliche und technische Erfindungen verlagern sich die früheren Herrschaftsstrukturen auf die wirtschaftliche Ebene mit dem sozialen Gegensatz von Kapitalismus und Arbeiterschaft. Langsam aber stetig expandiert die Stadt aus dem zentralistischen Festungsstern und erreicht im Norden und Süden seine früheren Nachbargemeinden Wiehre, Adelhausen, Herdern, Zähringen (1906) und den Stühlinger (1908). Weit vorausgreifend werden Haslach und Günterstal (1890), Littenweiler (1914) eingemeindet, von den Nazis die Mosswaldsiedlung (1936) errichtet und St.Georgen (1938) annektiert um auf der Gemarkung Kasernen zu bauen.

Offene Stadt
Plan 3: Offene Stadt

DEMOKRATIE UND STADTPLANUNG

Die Weimarer Zeit war zu kurz, um für die Ansiedlung von Flüchtlingen nach dem I. Weltkrieg ein demokratisches städtebauliches Konzept zu entwickeln und sich von den vordemokratischen, zentralistischen Denkmodellen seit Vauban abzuwenden. Die autoritären Strukturen der Zeitgeschichte saßen der Bürgerschaft noch fest in den Knochen. Demokratisches Denken in der Verwaltung und bürgerschaftliche Mitverwaltung mussten erst gelernt sein. Demokratische Formen zeigten sich zwar in der Vielfalt der Architektur und dem Stadtbild, dass aber politische Strukturen auch in der Stadtentwicklung sichtbar sein müssen, daran dachten weder die Repräsentanten der Demokratie noch die alten Stadtplaner.

Die Folgen des II. Weltkrieges mit den Zerstörungen der Bausubstanz und einem starkem Anstieg der Bevölkerung durch Flüchtlinge machten sofortige Lösungen notwendig, die wenig Zeit zum Nachdenken über demokratische Formen der Stadtplanung ließen. Nach dem I. Weltkrieg übernahm Karl Gruber die Leitung des Bauamtes der Stadt und entwickelte Stadtteile nach dem Prinzip des Kreisausschnittes wie z.B. die Gartenstadt Haslach für eine geometrisch wachsende Bevölkerung bis er 1925 in Danzig und später Lübeck die Stadtplanung leitete und nach dem II. Weltkrieg an der TH Darmstadt die Architektur der 'Darmstädter Schule' prägte5.

Demokratie und Stadtplanung
Plan 4: Demokratie und Stadtplanung

Sein Nachfolger Joseph Schlippe führte in seinem Sinne vor allem die Altstadtsanierung und Wiederaufbauplanung der 1939-1944 zerstörten Stadt bis 1951 fort6. Dieser war es auch, der auf den Gegensatz zu den Prinzipien der 'Karlsruher Schule' mit ihrer herzoglich-modernistischen Prägung hinwies, die nach der Aufgaben/Ämtertrennung von Stadtplanung und Hochbau deutlich hervor traten (das Bauernopfer für die CDU). Als 1945 per Dekret der französischen Militärregierung die Demokratie und 1949 die repräsentative Demokratie per Grundgesetz eingeführt wurde, veränderten sich die alten Verhaltensmuster in der neuen politischen Gesellschaftsform noch lange nicht. Zentralistische Stadtplanung ging ungebrochen weiter

Von Anfang an wurde alle Kraft auf den Wiederaufbau des Stadtzentrums gerichtet, während die Kerne der alten Stadtteile auf der Ebene der Verwaltung bearbeitet wurden. Mit dem Beginn des Wirtschaftswunders wurde der historische Stadtkern als zentrales Oberzentrum weiter ausgebaut und mit allen nur denkbaren Einrichtungen von Verwaltung, Kultur, Bildung, Kunst, Konsum, Autoverkehr/ÖPNV und Fußgängerzonen versehen. Die Kernstadt wurde Dienstleistungszentrum, viele Bewohner zogen in die Randgemeinden im Grünen. Die Stadtteile füllten sich auf, erhielten aber kaum die angemessene gleiche Ausstattung des Zentrums. Im Gegenteil: Der Straßenverkehr lief weiterhin wie im Mittelalter mitten durch die Wohngebiete, Einrichtungen des allgemeinen und öffentliche Bedarfs fehlten lange in den neuen Stadtteilen, man versorgte sich im Stadtzentrum, einfaches Wohnen an den Hanglagen des Stadtwaldes wurde durch Landschaftsschutzgrenzen verhindert, die Durchmischung von Baugebiete wurde abgelehnt, die ungelösten Probleme der zentral gedachten Stadt wurden nach Westen in z.T. klimatisch benachteiligten Zonen abgeschoben (Sozialer Wohnungsbau, Industrie- und Gewerbegebiete, Messe, Müll, Wasser, Abwasser usw.)7

Die Stadt dehnte sich verkehrsintensiv bald uferlos mit neuen Wohn-, Industrie-, Gewerbe- und Sonder-Gebieten überwiegend nach Westen aus und wuchs mit den sich selbst vergrößernden Flächen früher weit vor der Altstadt liegenden historischen Randgemeinden zusammen. Daran änderte auch nichts die Erfindung der 'grünen Finger'. Die alten Siedlungszäsuren wurden überbaut (Alter Messplatz, Vauban, Rieselfeld, Flugplatz, Marienmatten, Eschholz usw.) die Grenzen der historisch gewachsenen Gemeinden wurden verwischt und eine zusammenhängende zentralistische polypenartig wuchernde Agglomeration ins Umland geschaffen.

Hinzu kam die 'Suburbanisation' des Umlandes durch das Oberzentrum selbst, die so genannte 'Gebietsreform der 70er Jahre war ein Angriff auf die Autonomie der Umlandgemeinden. Dagegen wehrten sich mit Erfolg die Gemeinden Merzhausen, Umkirch und Gundelfingen, während die Gemeinden Ebnet, Kappel, und die Tuniberggemeinden Waltershofen, Opfingen, Tiengen und Munzingen, sowie Hochdorf den Versprechungen des Oberzentrums erlagen. Ihre strukturellen Interessen wurden jedoch nicht gelöst, die Probleme des Durchgangsverkehrs, die Anbindung an das ÖPNV-Netz, eine angemessene Ausstattung mit Infrastruktur nur teilweise geleistet. Im neuen FNP bis 2010 sollen die Tuniberggemeinden wiederum die Hauptlast des Flächenbedarfs tragen und ihre Naturschutz/wasser-rechtlichen Gebiete sowie regionalen Grünzüge/Zäsuren überbaut werden.

FNP '78
Plan 5: FNP '78

Allein die Realität der von der Fraktion der CDU seit Kriegsende geprägten Freiburger Stadtplanung des damaligen Bürgermeister und seines Planers führte in eine andere Richtung, nämlich zu einer Stadt mit zentralen Achsen von Bebauung und Grünzügen nach dem Vorbild der Karlsruher Schule. Die Vorstellung einer Kulturmeile vom Münster über Uni, Theater und das Bahnareal (nach den Vorstellungen geladener Investoren, als gigantisches Stadtzentrum auf einer Plattform von der Dreisam bis zur Nord-Unterführung), Stühlinger-Kirche, Technisches Rathaus, Handels- und Gewerbe-Schule, Behördenzentrum mit Landes/Bundes-Verwaltungen bis hin zur Berliner-Allee setzte sich durch und wurde Orientierung einer zentralen Kultur/Tagungsstätte (KTS) in einer Stadt für 500.000 EW mit einem Flächenzuwachs nach der Gebietsreform von nahezu der Größe des Stadtgebietes seit seiner Gründung. Ziel war eine expansionistische, zentralistische, kolonialistische auf Verfügbarkeit von Neubauland basierende Stadtplanung. Die Stadt sollte sich von seiner Gründung 1120 mit 37 Hektar bis in das Jahr 2005 als Agglomeration bis auf 4.984 Hektar überbaute Flächen ausdehnen.

Dagegen setzte der Autor als designierter Leiter des Stadtplanungsamtes ein Ordnungssystem für Freiburg, das schon 1965/66 die Prinzipien einer demokratischen Stadtentwicklung aufzeigte. Eine Berücksichtigung dieses Modells hätte der Stadt im Zeitrahmen einer Generation in den vergangenen Jahren Milliarden von Fehlinvestitionen ersparen können. Etwa den gleichen Zeitraum und Kostenrahmen umfasst die die hier vorgelegte Vision Freiburg 20308.

Freiburg 1966
Plan 6: Freiburg 1966


1 Kirsch, J.H.Immo These vom 30.8.02, Schr. an die Institute für Frühgeschichte sowie Provinzialrömische Archäologie der Uni. Freiburg. Rezension über: Entdeckung der Mittelalterlichen Stadtplanung, Das Ende vom Mythos der gewachsenen Stadt. Humpert/Schenk, Theiss 2001.
2 Sickinger Der fröhlichen Stadt Freyburg im Breyßgau, Wahrhafte Abkontrpheiung 1589
3 Brandes, A. Die vorderösterreichische Universitätsstadt und Festung Freiburg im Breisgau 1715
4 Stadtarchiv Freiburg Luftaufnahme Freiburg
5 Gruber, Karl Die Gestalt der Deutschen Stadt, Callwey München 1952
6 Vedral, Bernhard Altstadtsanierung und Wiederaufbauplanung in Freiburg 1925-1951, Stadt und Geschichte, Neue Reihe des Stadtarchivs Heft 8, 1985
7 Stadt Freiburg FNP 1978, Entwurf zur Offenlage S.6
8 Kirsch, J.H.Immo Städtebauliches Ordnungssystem für Freiburg im Breisgau 1966 Vorlage an den neuen Baubürgermeister und seinen Stadtplaner
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